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Wikipedia – Wer steckt dahinter?

Posted by on 22. November 2011

Wissens-Eldorado Wikipedia – Fast jeder hat sich schon mal bei Wikipedia Infos geholt. Aber wer steckt hinter dem Projekt, wer verfasst die Artikel und: Wie sollen Studis in Hausarbeiten mit der Quelle umgehen? Hier gibt’s Antworten!

Die Idee des US-Amerikaners Jimmy Wales hatte was von Utopie: Ein freies, nicht kommerzielles Lexikon für jeden Menschen auf der Welt, an dem jeder mitarbeiten kann und das in sämtlichen Sprachen. Heute ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia indes wirklicher denn je und hat sich zu einem der erstaunlichs-ten Phänomene des Internets entwickelt: Sechs Jahre nach seiner Gründung enthält das Gesamtprojekt über acht Millionen Artikel und existiert in mehr als 250 Sprachen. Die deutschsprachige Wikipedia ist nach der englischen die zweitgrößte und beinhaltet derzeit mehr als 650.000 Artikel, pro Tag kommen rund 500 neue hinzu.

 

Diesen Erfolg konnte anfangs niemand ahnen: »Im Gegenteil, es gab relativ viele Leute, die sagten, das könne nicht funktionieren, weil das Projekt zu offen sei und in ein paar Monaten von Vandalen überlaufen sein würde«, erzählt Kurt Jansson, erster Vorsitzender von Wikimedia Deutschland e.V., der Organisation hinter Wikipedia. An den Start der Internet-Enzyklopädie erinnert sich der 30-Jährige sehr gut, denn er ist Wikipedianer der ersten Stunde: »Am 15. Januar 2001 wurde der Hebel umgelegt. Wenige Monate später installierte man die deutschsprachige Version, in der damals noch gar nichts los war. Ich bin relativ schnell auf Wikipedia aufmerksam geworden, da ich mich schon früher für ähnliche Projekte interessiert hatte. Ich fand, die Idee hatte Potenzial.«

 

Neben dem praktischen Nutzen, den Wikipedia für Benutzer hat, erklärt sich Jansson den Erfolg auch dadurch: »Wikipedia hat eine Lücke geschlossen: Als in den 90er Jahren im Internet dieser Kommerzboom angefangen hat, waren viele User frustriert – ich auch. Wikipedia transportierte so ein bisschen die Ursprungsidee des World Wide Webs, eine internationale Plattform für neutrale Informationen und offenen Diskurs zu bieten.«

 

In Janssons anderem Leben hat der Berliner gerade seine Diplomarbeit im Fach Soziologie abgegeben – und wie könnte es anderes sein: natürlich zum Thema Wikipedia. Jansson ist froh, endlich den Uni-Abschluss vor Augen zu haben, denn sein Engagement für Wikimedia ist sehr zeitintensiv.

 

Zu Beginn hatte Jansson noch Zeit, Wikipedia-Artikel zu verfassen – querbeet zu sämtlichen Themen: »Damals haben Artikel zu ganz grundlegenden Dingen gefehlt, weshalb ich mich auf Gebiete begeben habe, an die ich mich heute nicht mehr heranwagen würde.« Mittlerweile hat sich das geändert: Die Wikipedia zieht zahlreiche Autoren mit Expertenwissen an, was sicher auch an dem hohen Bekanntheitsgrad der Enzyklopädie liegt – Jansson ist daran nicht unbeteiligt: »Zu Beginn war das Projekt bei uns völlig unbekannt, weil sich ja niemand darum kümmerte – die Werbung fehlte.« Er fängt an Pressemitteilungen zu verfassen, eine Aufgabe, die er zuvor noch nie gemacht hat. Nach und nach wurde dann klar, dass auch die deutschsprachige Version eine Organisation braucht, die Wikipedia in der real physischen Welt unterstützt, und so gründet die Kern-Community 2004 Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V.. Neben Pressearbeit gehören auch Spendenaufrufe zu den Aufgaben des gemeinnützigen Vereins, denn das ist bisher die einzige Finanzierungsquelle von Wikipedia. Werbebanner gibt es nicht auf den Webseiten – die Online-Community will unabhängig bleiben.

 

Über die Community weiß Jansson bestens Bescheid: »Wir haben relativ junge Autoren. Ich glaube, dass wir für viele junge Leute Enzyklopädien aus dieser verstaubten Ecke herausgeholt haben – wir haben Wissen sexy gemacht. Die ältere Generation ab 60 ist noch weniger stark vertreten.« Dies bestätigt eine Studie der Uni Würzburg: Der durchschnittliche Wikipdia-Autor ist um die 30, Vollzeitbeschäftigter, besitzt einen hohen Bildungsabschluss und ist Single.

 

Bis auf sein Alter passt Martin Rulsch (20 Jahre) voll ins Bild der Studie: Vor zwei Jahren entdeckte der Student das Internetlexikon durch einen Musik-artikel mit einer falschen Info. Diese verbesserte er und meldete sich unter dem Benutzernamen ‘Der Hexer’ – nach Edgar Wallace gleichnamigen Buchtitel – an. Mittlerweile haben ihn andere Benutzer als vertrauenswürdig eingestuft und zum Administrator gewählt. In dieser Funktion übernimmt Martin vor allem Aufgaben zur Qualitätssicherung: »Wenn ein Artikel kompletter Unsinn ist, kann ich diesen z.B. löschen, oder Benutzer, die sich als Vandalen entpuppen, sperren.« Martin ist täglich in der Wikipedia: »Ich würde selbst von mir sagen, dass ich Wikipedia-süchtig bin.« Seine Faszination am Projekt erklärt er folgendermaßen: »Ich finde es großartig, an einem gemeinschaftlichen Projekt teilzuhaben, das das Ziel verfolgt, das relevante Wissen der Welt kostenfrei zu veröffentlichen. Was mir auch gefällt, sind die Kontakte, die man dabei knüpft. Man trifft die unterschiedlichsten Menschen mit den verschiedensten Fachkompetenzen. Es gibt auf der ganzen Welt Wikipedia-Stammtische, bei denen man sich austauschen kann – ich habe in der Community einige Freunde getroffen.« Diplom-Psychologe Joachim Schroer von der Uni Würzburg, der an der Wikipedia-Studie mitgearbeitet hat, kann diese Motivationsgründe bestätigen: »Viele Leute engagieren sich in der Wikipedia, da sie sich mit dem Projekt identifizieren und stolz sind zu sagen: Ich bin Wikipedianer. Für viele ist es auch ein Hobby, in dem sie total aufgehen. Durchschnittlich zwei Stunden verbringen Befragte pro Tag in der Wikipedia. Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass man mit den Artikeln etwas Bleibendes schaffen kann.« Warum übrigens überwiegend Singles wikipedieren, erklärt sich Schroer so: »Wenn man viel Zeit darin inves-tiert, muss man diese auch haben und wenn man eine Beziehung hat, dann ist das natürlich schwieriger.«

 

So groß die Beteiligung von Autoren auch ist, Wikipedia hat dennoch seine Schwächen – die Mitglieder stehen dazu auch ganz offen: »Die größte Schwäche ist die Offenheit, die eine große Angriffsfläche für Leute bietet, destruktiv zu arbeiten«, sagt Jansson. Daher war es für die Community auch keine Überraschung, als vor einigen Wochen ein so genannter Wikipedia-Scanner offenbarte, dass hinter den IP-Adressen unangemeldeter Benutzer hochrangige Institutionen und Unternehmen wie CIA, Wal-Mart oder Scientology stecken. »Die meisten Meldungen dieser manipulierten Artikel waren uns schon zuvor bekannt. Alle Fälle, die ich mir bisher angeschaut habe, hatten Benutzer schon nach wenigen Minuten, höchstens Stunden ausgebessert. Wir sind stets bemüht, die Qualität von Wikipedia zu verbessern«, sagt Jansson. Dazu gehört auch die jährlich stattfindende Wikipedia-Academy. Die von Wikimedia Deutschland e.V. in Kooperation mit Partnern aus der Wissenschaft organisierte Veranstaltung zielt darauf ab, Wikipedia stärker im akademischen Umfeld zu etablieren – vorrangige Absicht ist die Gewinnung kompetenter Autoren. Daher gibt es bereits viele Professoren, die Artikel für die Wikipedia schreiben. Dennoch hat Jansson Verständnis, wenn Profs Wikipedia als Literaturquelle nicht in Studi-Hausarbeiten akzeptieren: »Das kann ich gut nachvollziehen. Im klassischen Sinn ist Wikipedia noch nicht zitierfähig. Ich würde sie als Einstieg ins Thema nutzen, wir geben ja auch immer weiterführende Links mit Quellen zur Recherche an. Der schlimmste Fehler ist Copy und Paste von Wikipedia-Inhalten in Hausarbeiten. Wenn das auffliegt, haben wir kein Mitleid, denn Plagiate sind kein Kavaliersdelikt und mittlerweile müsste jeder wissen, dass Profs das schnell rausbekommen.«

 

Dozent Joachim Schroer rät Studis: »Falls das Zitat ganz zentral ist für die Hausarbeit, finde ich es nicht so toll, wenn Wikipedia dafür verwendet wird, denn das weist darauf hin, dass die Leute schnell etwas runtergeschrieben haben, ohne sich näher mit der Sache auseinander zu setzen. Aber bei einem Seitenthema finde ich es in Ordnung, wenn Studenten Wikipedia zitieren. Sehr wichtig ist mir aber das richtige Zitieren mit Versionsangabe des Artikels.«

 

Der Zukunft von Wikipedia steht Jansson positiv gegenüber: »Solange sich die Gesellschaft entwickelt, wird sie auch neues Wissen hervorbringen. Unser Job wird es sein, dieses dann in der Wikipedia niederzuschreiben.«

 

Wikipedia
Der Begriff setzt sich aus »wiki«, dem hawaiischen Wort für »schnell« und »Encyclopedia« zusammen. Die Online-Enzyklopädie ist ein Wiki, eine Seitensammlung im World Wide Web, für die jeder Benutzer Beiträge schreiben oder direkt im Browser ändern kann. Wikipedia kostet nichts und steht unter freien Lizenzen. Das Prinzip basiert auf Selbstorganisation der Gemeinschaft und zeichnet sich durch »Anarchie, Demokratie und Aristokratie« aus.

Gegründet wurde das Projekt von Jimmy Wales, 41 Jahre, zusammen mit Larry Sanger, 39, die heute zerstritten sind – Wikipedia hat sie entzweit. Im März 2000 startete Wales die Internet-Enzyklopädie Nupedia über die von ihm geführte Firma Bomis und engagierte Philosophiedozent Sanger als Chefredakteur. Das Ganze entwickelte sich allerdings sehr langsam, da Autoren sich bewerben mussten und ihre Texte eine lange Prüfung durchliefen. 2001 wurden Wales und Sanger auf das Wiki-Prinzip aufmerksam und riefen am 15. Januar Wikipedia ins Leben. 2003 gründete Wales die Wikimedia Foundation und übereignete der Non-Profit-Organisation die Wiki-Server sowie sämtliche Namensrechte.

 

Die Wikipedia hat mehrere Preise gewonnen, darunter den renommierten Grimme Online Award und einen Webby Award. Im Dezember 2005 veröffentlichte das Wissenschaftsmagazin »Nature« eine Studie, bei der Artikel aus der Encyclopedia Britannica und aus der Wikipedia miteinander verglichen wurden. Ergebnis: Die Britannica-Artikel hatten im Schnitt drei Fehler, Wikipedia vier. Laut Internet-Ranking Service Alexa gehört Wikipedia zu den zehn meist besuchten Webseiten.

www.wikipedia.de

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